München, 20.03.2026
Bildquelle: MSC, Kuhlmann
Fünf Jahrhunderte kolonialer Expansion als Erfolgsgeschichte, stehende Ovationen im Saal – die Münchner Friedenskonferenz warnt vor der Rückkehr kolonialer Denkmuster und der Aushöhlung des Völkerrechts.
Große Erleichterung im Saal bei der Rede des US-Außenministers Marco Rubio im Februar bei der Münchner Sicherheitskonferenz (MSC). Europäische Politiker:innen applaudieren zum Bekenntnis der Trump Regierung zur transatlantischen Partnerschaft.
Stehende Ovationen erhielt Rubio für seine Geschichtserzählung von der westlichen Erfolgsgeschichte der fünf Jahrhunderten dauernden kolonialen Expansion: „Fünf Jahrhunderte lang, bis zum Ende des Zweiten Weltkriegs, war der Westen expandierend. Seine Missionare, seine Pilger, seine Soldaten, seine Entdecker strömten von seinen Küsten hinaus – über Ozeane hinweg –, besiedelten neue Kontinente, bauten riesige Reiche auf, die sich über den Globus erstreckten“, so der Amerikanische Außenminister.
Für die Leiterin der Münchner Friedenskonferenz Maria R. Feckl, M.A. fehlt in diesem Narrativ die brutale Realität der kolonialen Geschichte: Völkermord, Versklavung, Landraub und die systematische Ausbeutung ganzer Kontinente. Millionen Menschen wurden entrechtet oder getötet, Kulturen zerstört und Gesellschaften unterworfen. Rubio will damit ein eindeutiges politisches Signal setzen, so Feckl. Kritiker:innen bewerten diese Geschichtserzählung als Verharmlosung und politische Rehabilitierung kolonialer Gewalt.
Münchner Sicherheitskonferenz als Bühne westlicher Machtpolitik
Es sei kein Zufall, dass die Rede ausgerechnet auf der MSC gehalten wurde, so die Leiterin der Friedenskonferenz. Jedes Jahr treffen sich dort Regierungschefs, Militärs, Rüstungskonzerne, Think-Tanks und Lobbyorganisationen, um über die strategische Zukunft der internationalen Politik zu sprechen. Kritiker:innen beschreiben dieses Treffen seit langem als Teil einer „privatisierten Weltpolitik“. Der Journalist Wolfgang Michal schreibt im der Freitag vom 12.02.2026 von einem „Klassentreffen des erweiterten Westens“, bei dem politische und wirtschaftliche Eliten hinter verschlossenen Türen über globale Machtfragen diskutieren.
Während internationale Institutionen wie die UNO oder die OSZE an Einfluss verlieren, tagt hier ein informelles Netzwerk politischer und wirtschaftlicher Eliten und diskutiert globale Machtfragen außerhalb demokratischer Entscheidungsstrukturen und Legitimation. Für die MSC ist das inzwischen Normalität. Es hat den Vorteil, dass westliche Macht- und Zivilisationspolitik – und Interessen der Rüstungsindustrie in sogenannten Hinterzimmer-Gesprächen stärker miteinander verschmelzen.
Angesichts dieser undemokratischen Entwicklung ist es umso befremdlicher, dass Rubio mit stehenden Ovationen gefeiert wird. Auf diesem privaten Forum der transatlantischen sicherheitspolitischen Elite, das zugleich mit erheblichen öffentlichen Mitteln unterstützt wird, wird eine Rede gefeiert, in der fünf Jahrhunderte kolonialer Expansion als Teil westlicher Größe gepriesen werden.
Marco Rubios Rede und die Rückkehr kolonialer Narrative
Rubios Rede folgt einer Logik, die in den letzten Jahren zunehmend an Bedeutung gewinnt: der Vorstellung eines bedrohten „Westens“. Dieser erscheint darin als einzig wahre Zivilisation – verbunden durch Geschichte, Kultur, Religion und gemeinsame Werte. Diese Zivilisation müsse verteidigt werden: gegen geopolitische Rivalen, gegen Migration – häufig auch eine Folge westlicher Kriege und Interventionen – und gegen internationale, demokratisch legitimierte Institutionen, die „angeblich“ nationale Souveränität einschränken.
Rubio: „Wir sind Teil einer Zivilisation: der westlichen Zivilisation. Uns verbinden die tiefsten Bande, die Nationen miteinander teilen können – geschmiedet durch Jahrhunderte gemeinsamer Geschichte, christlichen Glauben, Kultur, Erbe, Sprache, Abstammung.“ Diese Vorstellung einer gemeinsamen „westlichen Zivilisation“ reproduziert uralte koloniale Denkmuster. Schon im 19. Jahrhundert wurde koloniale Expansion häufig als Verteidigung oder Ausbreitung einer überlegenen Zivilisation legitimiert.
Massenmigration beschreibt Rubio hingegen als Gefahr für den gesellschaftlichen Zusammenhalt: „[Sie] ist eine Krise, die Gesellschaften im gesamten Westen verändert und destabilisiert.“ Die Kombination aus Zivilisationsrhetorik, aus Verachtung der Menschenrechte, geopolitischem Konkurrenzdenken und aus militärischer Stärke bildet den ideologischen Kern einer gefährlichen neuen sicherheitspolitischen Erzählung. Politik erscheint in dieser Logik als Verteidigung unserer Zivilisation, die wiederum zur moralischen Pflicht wird.
Parallelen zu rechten Diskursen in Europa
Auffällig ist, wie stark diese Argumentation an politische Narrative erinnert, die man in Europa vor allem von der extremen Rechten kennt. So wird Politik häufig als Verteidigung einer bedrohten kulturellen Gemeinschaft dargestellt und ihre konstruierten Homogenität betont. Migration erscheint als existenzielle Gefahr für Identität und gesellschaftlichen Zusammenhalt. Internationale Institutionen und Einhaltung der Menschenrechte werden als Einschränkung nationaler Handlungsfähigkeit kritisiert.
Wie bei Rubio findet sich in Programmen und Reden rechtspopulistischer Parteien die Ablehnung einer angeblichen „Schuldkultur“: „Wir wollen nicht, dass unsere Verbündeten durch Schuld und Scham gefesselt werden. Wir wollen Verbündete, die stolz sind auf ihre Kultur und ihr Erbe.“
Es entsteht eine merkwürdige Gemengelage: historische und politischen Strukturen kolonialer Macht werden maskiert durch intensive symbolische Debatten über Sprache (s. OB Reiter und das N-Wort) und bleiben gerade dadurch machtvoll wirksam. Der Unterschied ist allein der Maßstab: Rubio spricht vom „Westen“ als globaler Zivilisation, die europäischen Rechtspopulisten betonen die nationale Ebene. Doch die Logik ist vergleichbar: Politik erscheint als Kampf um kulturelle Identität, geopolitische Stärke und die Verteidigung einer konstruierten historischen Gemeinschaft.
Militärische Gewalt als legitimes Mittel der Politik
Die eigentliche Brisanz von Rubios Rede liegt jedoch noch tiefer. Militärische Gewalt erscheint in dieser Erzählung als legitimes und normales Mittel der Politik (von der Leyen im EU-Parlament). Es geht nicht nur um die positive Darstellung kolonialer Expansion.
Die demokratisch legitimierte UN beschreibt Rubio als unfähig, die aktuellen Herausforderungen wie den Krieg in Gaza, das Atomwaffenprogramm des Iran und die Probleme in Venezuela zu bewältigen. Bombardierungen sind für Rubio notwendiges Mittel internationaler Politik.
So beschreibt Rubio etwa Bombardierungen als notwendiges Mittel internationaler Politik: Die UN „war machtlos, das Atomprogramm radikaler schiitischer Kleriker in Teheran einzudämmen. Dafür waren 14 Bomben nötig, die von amerikanischen B-2-Bombern abgeworfen wurden.“
Diplomatie ist für den US-Außenminister ein naives Märchen: „In einer perfekten Welt würden all diese Probleme von Diplomaten gelöst […]. Aber wir leben nicht in einer perfekten Welt.“ Mit diesen Äußerungen entsteht ein Weltbild, in dem militärische Gewalt als legitimes Mittel internationaler Ordnung erscheint.
Warum die Kritik an Rubios MSC-Rede wächst: Glorifizierung kolonialer Gewalt
Die Rede Rubios steht damit für eine gefährliche Verschiebung im internationalen Diskurs und ihrer noch gefährlicheren Folgen wie Krieg, Zerstörung und Flucht. Koloniale Expansion wird wieder als Teil westlicher Größe eingeführt. Militärische Stärke erscheint als selbstverständlich und alternativlos. Internationale Kooperation und Diplomatie erscheinen in dieser Logik als naive Illusion.
Völkerrecht statt Recht des Stärkeren
Für die Friedensbewegung ist diese Entwicklung alarmierend: Eine Weltpolitik, die sich auf Zivilisationsrhetorik, militärische Stärke und geopolitische Konkurrenz stützt, führt nicht zu Sicherheit. Sie führt zurück in eine Zeit vor der UN-Charta, vor den Genfer Konventionen – in eine Welt, in der das Recht des Stärkeren über das Völkerrecht gestellt wurde.
Genau deshalb der Applaus am Ende der Rede von Marco Rubio so beunruhigend. Er zeigt, wie selbstverständlich diese Vorstellung von Weltpolitik inzwischen wieder geworden ist. Gerade darum braucht es eine andere Perspektive auf Sicherheit: eine Politik, die Diplomatie nicht als Naivität verspottet, internationale Institutionen stärkt, statt sie zu untergraben; eine Politik, die koloniale Gewaltgeschichte aufarbeitet und Wiedergutmachung leistet. Denn eine gerechte und friedliche Welt lässt sich nicht auf Mythen westlicher Größe aufbauen, sondern nur auf Gerechtigkeit, Kooperation und Respekt vor der Gleichwertigkeit aller Gesellschaften.
Quellen:
Secretary of State Marco Rubio at the Munich Security Conference – United States Department of State
Kontakt:
Maria R. Feckl, M.A. (Peace and Conflict Studies)
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